Lotos im Alten Ägypten

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Land und Leute Ägypten

Heiliger Lotos als Kultur – und Nahrungspflanze
Lotos im Alten Ägypten
Die Lotosblume als kulturhistorische Pflanze

Der Lotos in der kulturellen Bedeutung

Die Lotosblüte, die altägyptische Seschen-Blüte, galt im Alten Ägypten als Sinnbild der Schöpfung und der Wiedergeburt und war neben dem Skarabäus auch das wichtigste Symbol für Regeneration und Auferstehung. Der Lotos wurde aber auch zur Symbol- und Wappenpflanze von Oberägypten erhoben. Das natürliche Vorkommen der Lotosblume lag hauptsächlich in den Sumpfgebieten des Nils und wurde im Alten Ägypten sogar als Nutzpflanze in Teichen angelegt. Heute ist er allerdings in Ägypten fast völlig aus der Pflanzenwelt an den Nilufern verschwunden und zählt zu den stark gefährdeten Arten. Die Vielzahl  kultureller Werte im Alten Ägypten beruhen nicht selten auch auf eine sehr gute Beobachtung der Natur. Das trifft ganz besonders auch auf die Lotospflanze zu., sie schließt zum Abend ihre Blüten und öffnet sie mit dem Sonnenaufgang. So wurde der Lotos zum kulturellen Sinnbild für die Wiedergeburt der Pflanze mit der  täglich neu entstehende Schöpfung.
Nach der hermopolitischen Theologie im Alten Reich um 2500 v. Chr. stand in der altägyptischen Mythologie die in Unterägypten aufkam, eine Lotosbüte am Beginn der Schöpfung. Nach der Schöpfungsgeschichte entstand im  Urgewässer der Göttin Naunet ein kleiner Urhügel, auf dem ein Lotos wuchs. Durch einen Lufthauch wurde er befruchtet, und als sich die Blüte öffnete erwuchs aus ihr in der Gestalt eines Kindes der neugeborene Sonnengott als Schöpfer der Welt. So wie der Lotos sich mit jedem Sonnenuntergang schließt und im Wasser eintaucht, so kehrt auch die Schöpfung jeden Abend in das Urgewässer der Göttin Naunet zurück und erscheint nach dem Chaos der Nacht mit dem Sonnenaufgang als Wiedergeburt der Schöpfung.
Nach der altägyptischen Mythologie vom Urlotos ging der Schöpfergott in Gestalt eines Kindes aus einer Lotosblüte hervor. Als personifizierter Kindgott der Lotosblüte erscheint Nefertem menschengestaltig mit einer Lotospflanze auf dem Kopf, oder auch nur in der Form einer Lotosblüte. Die Tutanchamun-Skulptur von Bild 6 symbolisiert die Gottheit Nefertem auf einer Blauen Lotosblüte. In Memphis galt Nefertem als Sohn des Ptah und seiner Gattin Sachmet. Nefertem erlangte auch weitere Bedeutungen als Schutzgott der Salben, Öle und Düfte, weshalb er bei Herstellern von Arzneimitteln und in der Kosmetik hoch geachtet wurde.

Bild 1: Im Alten Ägypten waren zwei verschiedene Lotospflanzen bekannt. Dieses Foto zeigt den weißen Ägyptischen Lotos (Nymphaea lotos). Als heilige Pflanze war sie zwar in der altägyptischen Kultur von hoher Bedeutung, Dieser Lotos verwöhnte allerdings im Alltag die Menschen nicht mit seinen intensiven Düften. Bild 2: Die zweite Art war der Blaue Lotos (Nymphaea caerulea). Im Gegensatz zum Weißen Lotos waren seine Blätter glattrandig. Da seine süßen, intensiven und lieblichen Düfte charakteristisch waren, war er neben seiner rituellen Bedeutung auch in der altägyptischen Parfümerie sehr begehrt.

Der Lotos als Blume für das Jenseits

Da man im Alten Ägypten an die Wiedergeburt im Jenseits glaubte, sollte es dem Verstorbenen im Grab auch an nichts fehlen, was ihm im realen Leben viel Freude bereitet hat. So gestaltete man im Grab ein farbenfrohes Bild aus dem Leben des Verstorbenen auch mit religösen- und mythischen Themen. Beim Ausschmücken des Grabes mit duftenden Blüten durfte der Lotos dabei nicht fehlen, denn er war ja das bedeutende Sinnbild der Schöpfung und der Wiedergeburt. Auch jede Bestattungsgesellschaft begleitete den Verstorbenen zu seinem Grab mit farbenfrohen Blumengirlanden, denen auch eine regenerierende Kraft nachgesagt wurde. Viele Reliefs und Wandgemälde in den Gräbern bezeugen sehr deutlich, welche Bedeutung der Lotos dabei hatte, denn vielfach wird der Verstorbene dargestellt, wie er an der Lotosblüte den betörenden Duft mit der Kraft des Lebens einatmet. Aber auch Gäste, die an der Bestattung teilnahmen brachten nicht nur Bündel an Lotossträußen mit, sondern schmückten sich auch selbst mit dem symbolträchtigen und intensiven Duft der Lotosblüte.

Bild 3: Detailausschnitt der großen Reliefwand im Grab des Ramose (TT55) mit der Darstellung der familiären Bestattungsgesellschaft. Dieser Ausschnitt zeigt einen Bruder des Verstorbenen mit seiner Frau. Während er für die Bestattung ein ganzes Bündel von der Lotos-Pflanze in den Händen hält, ist seine Frau selbst mit dem Lotosblüte geschmückt. Am Stirnband ihrer Haartracht trägt sie eine Blaue Lotosblüte und der ausströmende Blütenduft umgibt ihr Gesicht. In ihrer rechten Hand hält sie eine weitere Lotosblüte und nicht nur als Schmuck oder Duftnote, sondern auch als Sinnbild der Schöpfung und bei einer Beerdigung auch als ein Symbol der Auferstehung im Jenseits. Bild 4 und 5: Wandmalerei aus den Grab des Sennefer (TT96). Der Verstorbene inhaliert den Duft der blauen Lotosblüte

Bild 6: Kopfstudie von einer Tutanchamun-Skulptur die aus einer Lotosblüte entspringt. Stuckierters und bemaltes Holz, Höhe etwa 30 cm. Im Neuen Reich wurde der König als Sonnenkind auf dem Lotos gleichgesetzt. Der religiöse Grundgedanke war der nächtliche Lauf der Sonne durch die Unterwelt und die Wiedergeburt bei Sonnenaufgang, was als täglicher Akt der Schöpfung betrachtet wurde. Diese Skulptur stand im Ägyptisches Museum Kairo (2016).

Der Lotos für schöne Düfte, Öle, Nahrung und der Heilkunde

Neben dem Papyrus war wohl der Lotos eine der bedeutensten Kulturpflanzen im Alten Ägypten. Neben seinen mythologischen Bedeutungen für die Wiedergeburt war der Lotos mit seiner mehligen Wurzelknolle eine wichtige Nahrungspflanze im Alltag der Ägypter. Die zerstoßene pastose Masse diente als Grundbestandteil für viele Speisenrezepte. Aber auch in der altägyptischen Medizin war der Lotos eine vielgenutzte Heilpflanze.
Der Lotos im Alten Ägypten war auf jeden Fall eine der wichtigsten Kulturpflanzen in allen Lebensbereichen der Menschen und auch ein wesentlicher Bestandteil altägyptischer Kosmetik- und Parfümkultur.  Die Ägypter hatten bei der Herstellung kosmetischer Pflegemittel für den Körper und zur Verschönerung des Gesichts einen für die damalige Zeit wohl höchsten Standard der Weltgeschichte erlangt. Der Lotos als Symbolpflanze für Wiedergeburt und Leben diente auch wegen seines starken Duftes der Entwicklung von Duftprodukten für Frauen wie auch für Männer, denn viele Darstellungen zeigen Frauen und Männer, wie sie eine frische Lotosblüte an ihre Nase halten um die schönen Düfte einzuatmen.

Bild 7 – 9: Drei Stelen, die heute im Hurghada Museum zu sehen sind bezeugen die Bedeutung der Blauen Lotospflanze für die Lebensfreuden der Menschen im Ägypten der pharaonischen Zeit. Nicht nur Frauen (Bild 7) umgaben sich gerne dem betörenden Duft der Lotusblüte, denn auch Männer (Bild 9) nutzten den leicht süßlichen intensiven Duft, der an Hyazinthen erinnert. Der Lotos als Opfergabe ist als Ritual des „Gebens und Verehrens“ in vielen Darstellungen ägyptischer Tempel zu sehen. Aber auch im privaten Bereich beschenkte man bei Besuchen den Gastgeber mit Blumen und vielfach war es der beliebte und bedeutende Lotos als Blumenstrauß für den Duft des Lebens (Bild 8).

Der Lotos als Dekoration in Kunst und Architektur

In der altägyptischen Kunst war der Lotos wegen seiner symbolträchtigen Bedeutung ein beliebtes und vielfach gewähltes Motiv in Reliefs, Wandmalereien in stillisierten Dekorationen und in der Goldschmiedekunst. Während der Lotos in der gesamten altägyptischen Zeit, schon wegen der mythologischen Symbolik, in der künstlerischen Darstellung eine Anwendung fand, hatte der Lotos in der Bedeutung der Kunst im Neuen Reich von 1550 bis 1070 v. Chr. in der 18. bis 20. Dynastie ihren Höhepunkt. Viele Wandmalereien, Reliefs und Skulpuren in den Gräbern dieser Zeit bezeugen die Beliebtheit und den Glauben an den Lotos. In der Baukunst findet der Lotos in der Gestaltung von Säulen und Pfeilern an Bedeutung mit der sogenannten „Lotosbündelsäule“ vom Neuen Reich bis in die Ptolemäerzeit von etwa 332 v. Chr. bis 30 v. Chr. dem eigentlichen Ende der altägyptischen Geschichte mit den Tod von Kleopatra VII.

Bild 10:Säulenkapitelle mit dem Lotos-Motiv am Trajan-Kiosk im Philae-Tempelkomplex. Der unvollendete Kiosk wird dem römischen Kaiser Trajan zugeschrieben (98 – 117 n. Chr.), weil er auf einigen Innenreliefs dargestellt ist. Bild 11: Säulenkapitell mit dem Lotos-Motiv im Tempel von Philae an der westlichen Säulenkolonnade vor dem Isis-Tempel. Philae ist ein Tempelkomplex etwa 8 km südlich von Assuan im nubischen Teil Oberägyptens. Bild 12. Dieses Foto zeigt die linke Seite eines Thronsessels mit der Statue von Ramses II. im Luxor-Tempel. Diese Darstellung zeigt das berühmte Staatssymbol (altägypisch = Sema-taui) „Vereinigung der Beiden Länder“ mit dem das ägyptische Großreich dargestellt wurde.  Dieses symbolträchtige Reliefzeichen wird häufig dargestellt mit zwei Hapi-Figuren, sie halten die Wappenpflanzen von Oberägyten (Lotospflanze) und von Unterägypten (Papyruspflanze) zusammen. Diese Reliefdarstellung hatte nicht nur eine symbolträchtige Bedeutung, sondern war auch für den Pharao Ramses II. eine wichtige politische Propagandabotschaft, denn er war der mächtige Herrscher der die „Vereinigung der Beiden Länder“ garantiert.

Fotos: (c) Michael Kürschner (7), Christel Selke (6)