Kinderwunsch im Alten Ägypten

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Kinderwunsch im Alten Ägypten
Sexualität, Schwangerschaft und Geburt

In der ägyptischen Gesellschaft hatte der Kinderwunsch
eines Paares eine sehr hohe Bedeutung

Ein Kinderwunsch im Alten Ägypten war in der sozialen Gesellschaft und für eine Familie ein sehr hohes Gut und für jede Ägypterin von hoher Bedeutung. Im Gegensatz zu anderen Kulturen, waren Mädchen genauso erwünscht wie ein Junge, auch wenn in der Familienplanung wenigstens ein männliches Kind in der Nachkommenschaft das Glück der Familie vollendete. Eine Ehe und die damit auch verbundene Gründung einer Familie entstand nicht immer nur aus Liebe und Leidenschaft, denn der ersehnte Kinderwunsch im Alten Ägypten hatte unter Paaren auch einen wichtigen sozialen Effekt. Kinder sicherten nicht nur die Nahrung für die Eltern im Alter, sondern bescherten auch nach dem Ableben die Erfüllung des Totenkultes in einem für Ägypter würdigen Begräbnis. Blieb allerdings der Kindersegen eines Paares aus, konnte der Mann sich scheiden lassen oder sich eine Zweitfrau nehmen, damit sich der Kinderwunsch der Familie erfüllt. Kam dann durch diese Zweitfrau ein Kind zur Welt, war auch nach altägyptischem Wissen der Beweis geliefert, dass die eigentliche kinderlose Ehe auf die Unfruchtbarkeit der Frau zurückzuführen sei, denn man ging immer davon aus, wenn ein Mann seine Samenflüssigkeit abgeben kann, kann er nicht unfruchtbar sein.
Wenn ein kinderlosen Paar sich nicht trennen wollte und eine Zweitfrau aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich war, gab es auch im Alten Ägypten schon die Möglichkeiten Kinder aus einem Waisenhaus zu adoptieren. Sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllen zu können, war nicht nur eine Absicherung der Adoptiveltern im Alter, sondern hatte auch in der altägyptischen Gesellschaft ein respektvolles soziales Ansehen.

Bild 1: Die Bedeutung der Frau und Mutter in der Familie wurde schon frühzeitig in der altägyptischen Gesellschaft gelebt.  Die kleine mütterliche Frauenfigur besteht aus Elfenbein und stammt aus einer Zeit um 3000 Jahre v. Chr. aus der Frühdynastischen Zeit und vermutlich sogar noch aus der sogenannten „0 Dynastie“ (?). Ägyptisches Museum Berlin

Trotz Kinderwunsch gab es auch schon eine Art Empfängnisverhütung

In einer Ehe im Alten Ägypten hatte der Wunsch nach Kindern immer eine hohe Priorität im privaten, wie auch im gesellschaftlichen Umfeld. Es gab aber auch Lebensumstände die für eine Empfängnisverhütung sprachen und diese gab es tatsächlich schon im Alten Ägypten. War die Familienplanung abgeschlossen oder das Risiko einer Schwangerschaft viel zu hoch, nutzten die Ägypterinnen für einen unbeschwerten Sex jede Möglichkeit einer Schwangerschaftsverhütung, selbst wenn sie im festen Glauben an die Götter sich beschützt fühlen konnten.
Obwohl in der Ehe Sexualleben und Fruchtbarkeit einen sehr hohen Stellenwert hatten, nutzten Frauen bereits auch folgende Verhütungsmittel. Man verwendeten dazu „Tampons“, die u.a. mit einem Wirkstoff aus Honig und Krokodilsdung versetzt waren. Erfolgsversprechend waren auch Akazienspitzen mit Datteln und Honig. Das in den Akazien enthaltene Gummi arabicum hatte tatsächlich die Eigenschaft Spermien abzutöten.Trotz einer traditionellen Gottesfürchtigkeit gab es sogar Abtreibungsmittel, die schon in der damaligen Frauenheilkunde eine gewisse Wirksamkeit zeigten. Der Harz der Terebinthe aus der Terpentinpistazie (Pistacia terebinthus) war ein wirksamer Bestandteil in einem Abtreibungsmittel. Auch wenn man sich sicher war, dass die Schwangerschaft durch eine biologische Paarung entstand, dankte man den Schutzgöttern  für die große Hilfe bei der Erfüllung eines Kinderwunsches.

Für den Kinderwunsch erfand man schon im Alten Ägypten den Schwangerschaftstest

Die Hoffnung auf eine Schwangerschaft offenbarte sich meist, wenn die Regel der Frau ausblieb, die Brust sich veränderte oder sich später noch der Linea fuchsia (Schwangerschaftsstreifen am Bauch) bildete. Um aber ganz sicher zu gehen, dass alle Bittgebete an die Ahnen und vor allem die magischen Sprüche an die Götter für eine ersehnte Schwangerschaft einer Frau erfolgreich waren, nutzte man schon im Alten Ägypten die Möglichkeit natürlicher Schwangerschaftstests, die sogar in die heutige Zeit eine erwiesene Wirksamkeit in der Prognose erreichen konnten. Für einen Schwangerschaftstest weichten Frauen die Getreidesorten Gerste und Emmer mit ihrem Urin ein. Kam es zu einer relativ schnellen Keimung der Saaten, lag eine Schwangerschaft vor, weil bestimmte Hormone der Frau die Keimung begünstigten. Bei einer Frau die sich nicht in einer Schwangerschaft befand, kam es kaum zu einer Keimung und Wachstum blieb aus.

Bild 2: Statuette der Göttin Isis, die ihren Horus säugen möchte. Isis war auch eine Schutzgöttin der Geburt, der Wiedergeburt und Magie. In allen ihren mütterlichen Eigenschaften wurde sie in Ägypten als himmlische Muttergestalt hoch verehrt. Ägyptisches Museum Berlin 2018. Bild 3: Bei dieser kleinen Statuette handelt es sich um eine Fruchtbarkeitsfigur. Solche Frauendarstellungen waren immer nackt oder nur mit einem schmalen Gürtel bekleidet und das Schamdreieck war stets betont. Solche Figürchen fand man in den Häusern der Siedlungen, in Tempeln und Gräbern. Im Diesseits symbolisieren sie die ersehnte Fruchtbarkeit und wurden meist von Frauen in eigenen Häusern und Tempel aufgestellt, die sich ein sehnlichst ein Kind wünschten. In Gräbern wurden sie für die Garantie einer Wiedergeburt im Jenseits aufgestellt. Hurghada Museum, Ägypten. BIld 4: Familiäre Gruppenstatue des „Vorstehers der Mauer“ (königlicher Maurermeister) Kaemheset mit seiner Frau und seinem Sohn der wesentlich kleiner dargestellt zwischen den Beinen des Ehepaares steht.  Da es sich bei dem Sohn um ein jüngeres Kind handelt wird er noch nackt und mit dem rechten Zeigefinger am Mund gezeigt. Diese Gruppenstatue der Familie Kaemheset besteht aus bemalten Kalkstein und stammt aus dem Alten Reich der 6. Dynastie (2323 – 2000 v. Chr.) Ägyptisches Museum Kairo 2018

Bild 5: Relief des Gottes Bes im Tempelkomplex der Hathor von Dendera, Ägypten. Diese altägyptische Gottheit hat wahrscheinlich seinen Ursprung südlich von Ägypten im heutigen Sudan.  Bes gehört in seiner Zuordnuing zur Gruppe der Zwerggötter und wurde im Alten Ägypten schon frühzeitig sehr verehrt. Diese kleinwüchsige Gottesgestalt mit seinem fratzenartigen Gesicht war sogar durch seine mythologische Bedeutung äußerst populär, denn als Schutzgott stand er für verschiedene Aufgaben und für die ägyptische Frau war Bes der verehrte Beschützer der Schwangeren und Wöchnerinnen. In vielen ägyptischen Haushalten gab es daher Amulette, Figürchen und Abbildungen von Bes damit es bei der Erfüllung des Kinderwunsches keine Komplikationen gab. In diesem Zusammenhang gewann er auch die Bedeutung als Schutzgott von Gotteskindern und wurde somit auch zum Beschützer der Pharaonen-Kinder. Durch diese göttliche Eigenschaft finden sich auch viele Bes-Darstellungen in einem Mammisi wiede. Diese heiligen „Orte der Geburt“ findet man in den vorgelagerten Göttertempeln von Philae und Dendera. Bild 6: Oberteil einer Statue der Göttin Hathor aus der Regierungszeit von Pharao Amenhotep III. aus der 18 Dynastie, die komplette Statue steht im Luxor Museum, Ägypten. Hathor war in der altägyptischen Mythologie eine bedeutende Muttergottheit, die den ersehnten Kinderwunsch der Frauen als Göttin der Liebe und Empfängnis bis zur Geburt begleitete. Bild 7: Die Göttin Ta-weret auch Tauret, Thoeris,Taueret, Taurt und Tueris genannt, war in der altägyptischen Mythologie von großer Bedeutung und galt als Tochter des Re und Mutter von Isis und Osiris, außerdem war sie die Gemahlin des Wüstengottes Seth. In ihrer Darstellung erscheint sei als Mischwesen mit dem Kopf eines Nilpferdes, mit den Armen und Beinen eines Löwen und mit dem Schwanz von einem Krokodil. Ihr Bauch ähnelt einer schwangeren Frau und nicht selten mit schweren Hängebrüsten und einer Frauenperücke auf dem Kopf. Obwohl sie als häßliches und schon fast furchteinflößendes Gottwesen erscheint, war sie eine bedeutende Schutzgöttin, die in jedem ägyptischen Haushalt vorhanden war, entweder als Figürchen oder als Amulett. Auch Milchgefäße und Betten wurden gerne mit der Ta-weret geschmückt. Sie war meist ein unverzichtbarer Hausgeist der kleine Kinder vor Krankheiten schützen sollte, war aber hauptsächlich als Schutzgöttin für Gebärende sehr verehrt. Dieses kleine Figürchen der Taweret kann man im Hurghada-Museum bewundern.

Schwangerschaft und Geburt

Ehen ohne Kinder waren im Alten Ägypten fast undenkbar, auch wenn wegen der hohen Sterblichkeitsrate bei der Geburt für Mutter oder Kind eine große Gefahr bestand. Unter solchen Umständen kann man es den ägyptischen Frauen nicht verübeln, dass sie durch religiöse Rituale alle Gefahren für das Kind und für sich zu bannen versuchten. Da gab es zum Beispiel das Zaubermesser, ein aus Nilpferdzähnen verarbeitetes, messerähnliches Amulett mit eingeschnitzten Dämonen und Schutzgöttern, es sollte während einer Schwangerschaft jedes Übel von Mutter und Kind fernhalten. Meist waren die Göttin Taweret (Bild 7) der Gott Bes (Bild 5) und die froschgestaltige Göttin Heket eingeritzt. Auch andere Amuletten und Figürchen von Taweret ,Bes und Heket waren im Haus einer Schwangeren üblich. Man glaubte fest an die Schutzfunktionen der Götter, denn Vorsorgeuntersuchungen für Mutter und Kind gab es wie im heutigen Sinn noch nicht, auch wenn die Frauenheilkunde im Alten Ägypten verhältnismäßig weit entwickelt war. Über die Abläufe einer Schwangerschaft ist uns kaum etwas überliefert, aber über die Geburt, dem sensibelsten Moment einer Frau, der im Alten Ägypten nicht selten auch über Leben und Tod entschied, gibt es zahlreiche und hochinteressante Überlieferungen.
Mit Beginn der ersten Wehen war die Gebärende nur von Frauen umgeben. Männer, selbst hochqualifizierte Ärze, hatten keinen Zugang zu den Frauen während der Niederkunft. In den meisten Fällen kümmerten sich nur die Frauen aus dem eigenen Familiekreis von der Geburtsvorbereitung bis zur Geburt selbst, um die Gebärende. Familien, die es sich leisten konnten, nahmen auch die Dienste einer Hebamme an. Aber auf jeden Fall durften die Kräfte der Magie bei einer Geburt nicht fehlen. Auch wenn der Kinderwunsch einer Frau sehr hoch war, müssen sich doch viele Frauen  vor der Geburt gefürchtet haben, weil sie dabei auch den Tod erwarten konnten. Auf vielen Möbeln und Gegenständen des Hause und der Wochenlaube waren daher auch viele Abbildungen von Schutzgöttern von Hathor, Bes und Taweret angebracht. Während der gesamten Niederkunft trugen Frauen meist auch noch ein Amulett der Göttin Heket. Diese Schutzgöttin der Geburt trug man am Körper oder hielt sie fest in den Händen. Auch die helfenden Frauen nutzten kraftvolle magischen Sprüche und betende Beschwörungsformeln, da man annahm, dass das Leben von Neugeborenen und der Mutter weitgehend in der Hand von Gottheiten und der Magie liegt.
Mit dem einsetzen der Wehen  zogen sich die Frauen mit der Gebärenden in die so gernannte Wochenlaube zurück. Sie war meist ein luftiger und sonnengeschützter Pavillion, der entweder im Garten oder auf dem Dach des Hauses stand.
Neben der Magie von Schutzgöttern, gab es auch Rezepte aus der Frauenheilkunde, die zur Erleichterung einer Geburt verhelfen sollte. Aus zahlreichen Papyri sind Rezepturen überliefert, die die Wehen verkürzen und die Geburt beschleunigen sollten. Man kennt zwar heute schon den einen oder anderen Inhaltsstoff, doch zahlreiche Heilpflanzen sind botanisch noch nicht identifiziert.
Im Alten Ägypten haben die Frauen in der Hocke auf einem Gebärstuhl entbunden (siehe auch Bild 9), denn diese Körperhaltung einer Gebärenden erleichterte enorm den Geburtsvorgang.
Ist die Geburt ungefährdet und gesund verlaufen kümmerten sich einige Frauen vorrangig um das Neugeborene. Nach Durchtrennung der Nabelschnur kam die oblikatorische Wäsche des Neugeborenen und man rubbelte es zur besseren Blutzirkulation trocken. Wichtig für die Lebenschancen des Säuglings waren natürlich auch die ersten Lautäußerungen und die Haltung des Kopfes, worauf die Frauen oder die Hebamme testmäßg besonders achteten. Da man aber außerdem noch mit einer späteren Säuglingssterblichkeit rechnen musste und das Baby somit auch vor giftigen Tieren, Krankheiten und bösen Mächten bewahren musste, bekamen Neugeborene meist schon frühzeitig ein Kettchen um den Hals mit einem Zauberspruch der dem Säugling für das weitere Leben den Schutz der Götter geben sollte.

Bild 8: Für einen ersehnten Kinderwunsch glaubten die Frauen im Alten Ägypten sehr stark an die Götter, die ihnen vom Sex bis zur Geburt eines Kindes behilflich sein konnten. Das Foto zeigt eine Kopfdarstellung der Göttin Hathor am Tempel der Hathor in DenderaBild 9: Im Ägyptischen Museum in Kairo findet man dieses steinerne Zeugnis einer Darstellung der typischen Geburtshaltung im Alten Ägypten, denn Frauen entbanden  in der Hocke und meist auf einem einfachen Gebärstuhl aus großen Ziegeln. Solch eine Körperhaltung erleichterte den Geburtsvorgang deutlich, denn die Bauchmuskulatur  wurde besser angespannt und auch die Schwerkraft wurde dabei genutzt. Diese Darstellung zeigt eine Gebärende in einer sogenannten Wochenlaube aus einem Mattendach über Papyrussäulen. Im Alten Ägypten war bei der Schwangerschaft und Geburt der göttliche Beistand von großer Bedeutung und wird hier mit zwei Darstellungen der Göttin Hathor in einem zarten Frauenkörper und dem typischen Kuhkopf symbolisiert. Bei der Hathor handelt es sich um die Göttin von Sexualität, Fruchtbarkeit und Geburt.

 

Fotos: (c) Michael Kürschner (6), Christel Selke (4)